Der trojanische Adler

Sie zählt zu den raffiniertesten Abhöranlagen der Geheimdienstgeschichte – und wurde nicht heimlich installiert, sondern feierlich übergeben. Am 4. August 1945 überreichte die sowjetische Jugendorganisation „Junge Pioniere“ dem US-Botschafter Averell Harriman in Moskau eine kunstvoll geschnitzte Kopie des amerikanischen Staatssiegels. Ein Zeichen der Freundschaft an den Kriegsverbündeten. Das Siegel fand einen Platz im Arbeitszimmer der Moskauer Residenz des US-Botschafters. 

 

Doch das Staatssiegel war ein Geschenk mit Hintergedanken: Sprach jemand im Büro, drangen die Schallwellen durch winzige Öffnungen im geschnitzten Adlerschnabel in das Innere des Holzsiegels. Dort setzten sie eine nur zwei Zentimeter große Membran in Bewegung. Eine daran befestigte Antenne übertrug das Signal an sowjetische Agenten, die in einem Auto vor der Botschaft lauschten.

 

Hier lag auch die Krux des Spionagegeräts: Das Gerät sendete nur, wenn die Agenten es mit einem eigenen Funksignal aktivierten. Weil es darüber hinaus keinen Strom benötigte, entging es allen herkömmlichen Wanzendetektoren.

 

Erst sieben Jahre später entdeckte ein britischer Funker, der in der Moskauer Residenz arbeitete, zufällig das Signal. Ein weiteres Jahr danach spürten Techniker die Abhöranlage mit Spezialausrüstung auf. Aufgrund seiner Einzigartigkeit wurde das Gerät schnell „Das Ding“ getauft. Die große Bühne folgte 1960: Nachdem die Sowjets das US-Spionageflugzeug U-2 abgeschossen und den Vorfall öffentlich angeprangert hatten, reagierten die USA mit einem Gegenschlag: Sie enthüllten die Wanze und ihr Versteck während einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats. Die Bilder des vermeintlich „freundlichen“ Siegels gingen um die Welt – ein Symbol dafür, wie tief die Spionage im Kalten Krieg bereits reichte.

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