
Die Schattenbäume
Eli Cohens größte Stärke war nicht Technik, sondern Vertrauen. Als der israelische Geheimagent Anfang der 1960er-Jahre nach Damaskus kam, tat er das nicht mit falschem Pass und dunkler Sonnenbrille, sondern als perfekter Gastgeber. Unter dem Namen Kamel Amin Thaabet gab er sich als wohlhabender syrischer Geschäftsmann aus, bewegte sich sicher in den besten gesellschaftlichen Kreisen und gewann das Vertrauen hoher Militärs und Politiker. Und zwar so sehr, dass man ihm zeigte, was verborgen bleiben sollte: Syriens militärische Stellungen auf den Golanhöhen – ihre Lage, ihre Bewaffnung, ihre Bedeutung.
Dort machte Cohen einen Vorschlag, der harmloser kaum wirken konnte: Bäume zu pflanzen, um den Soldaten Schatten zu spenden. Die Idee war so plausibel wie fürsorglich und wurde umgesetzt.
Was als Schutz vor der Sonne gedacht war, wurde aus der Luft zur Orientierung. Die Bäume – meist Eukalypten – waren auch aus der Vogelperspektive gut sichtbar und wurden zu Landmarken, die militärische Stellungen leichter identifizierbar machten. Als Israel im Sechstagekrieg 1967 die Golanhöhen angriff, kannten die Einsatzkräfte dank dieser Orientierungspunkte die exakten Positionen strategischer syrischer Ziele.
Eli Cohen erlebte diesen Erfolg nicht mehr. 1965 wurde eines seiner Funksignale abgefangen, woraufhin er verhaftet und nach Monaten der Folter öffentlich hingerichtet wurde. Die Bäume aber blieben – als stille Erinnerung daran, dass Spionage nicht immer komplex oder technisch sein muss. Manchmal reicht ein Baum, um den Lauf der Geschichte zu verändern.
